.
|
Apraxie |
|
Die Intaktheit des Körpergefühls
und des Vorhandenseins kinästhetischer Bewegungsmuster sind eine Voraussetzung
für die geschickte Ausführung komplizierter erlernter Willkürbewegungen. Eine
Läsion im Bereich des unteren Anteils des linken Parietallappens (Gyrus
supramarginalis) kann zur Folge haben, dass geschickte Willkürbewegungen der
Glieder, obwohl keinerlei Parese vorliegt, nicht mehr gelingen. Man nennt eine
derartige Störung nach LIEPMANN (1900) eine Apraxie (bzw. Dyspraxie). Apraxie
meint damit eine Störung der zentralen Handlungsorganisation, die sich bei
automatisierten Aktionen zeigt, ohne dass eine erklärende Lähmung der
betroffenen Muskeln vorliegt.
Die ursächliche Läsion kann auf
einen Schlaganfall, Blutung, Tumor, oder eine der verschiedensten degenerativen
Erkrankungen wie M. Alzheimer, cortikobasale Degeneration etc. zurückgehen. Es
handelt es sich bei Apraxien um so genannte höhere motorische Störungen. Die
Störungen bei der Imitation oder dem Ausführen sinnvoller Bewegungen dürfen bei
dieser Störung nicht alleine durch eine Lähmung, Ataxie, Dyskinesie,
Sensibilitätsstörung, Beeinträchtigung des Sprachverständnisses oder der
Objekterkennung bedingt sein. Es handelt sich um die Unfähigkeit, die dafür
zuständigen und vor allem bei einer Hirnschädigung intakt gebliebenen
Körperteile für Einzelbewegungen, Bewegungs- und Handlungsfolgen (besonders
Hände) zweckmässig einzusetzen oder Gegenstände zweckmäßig zu benutzen. Als
Apraxie bezeichnet man damit motorische Fehlhandlungen, die nicht auf eine
elementare motorische Behinderung zurückgeführt werden können. Im Gegensatz zu
den einfachen motorischen Störungen sind bei einer Apraxie auch die zur
zerebralen Läsion ipsilateralen Extremitäten betroffen. Solche apraktische
Störungen treten vorwiegend nach Schädigung jener Hirnhälfte auf, in der jeweils
das Sprachzentrum liegt. Apraxien treten daher überwiegend bei linkshirnigen
Schädigungen auf, deshalb ist oft gleichzeitig eine Aphasie vorhanden.
Apraxien zeigen sich in drei
Teilgebieten motorischer Aktionen: Imitieren von Gesten, Ausführung
bedeutungsvoller Gesten auf Aufforderung, und Gebrauch von Werkzeugen und
Objekten. Sie werden in der Regel nach den Ausfällen klassifiziert. Multiple
parallele parietofrontale Schaltkreise sind für selbst einfache
Willkürbewegungen erforderlich um müssen aufeinander abgestimmt sein. Sensorik
und Motorik, visuelle Vorstellung und visuelle Wahrnehmung, Wahrnehmung und
Steuerung der Körperposition und der Position der Gliedmaßen, sind erforderlich.
Dabei gibt es nach bisherigem Wissen separate Kombinationen von Schaltkreisen
für die Imitation von Gesten und Bewegungen je nachdem ob diese bedeutsam oder
nicht bedeutsam sind. Entsprechend können Schädigungen auch isoliert die
Steuerung nützlicher Gegenstandsbezogener Gesten und Handlung betreffen oder die
Schaltkreise die für die Steuerung abstrakterer Imitationsvorgänge, die zunächst
keine praktische Bedeutung haben, betreffen.
Hugo Liepmann schlug vor 100
Jahren ein hierarchisches Modell der motorischen Kontrolle vor, das zwischen
fehlerhaftem Entwurf der Handlung und gestörter Umsetzung des Entwurfs in
motorische Aktionen unterscheidet. Dysfunktion des konzeptuellen Systems
verursachen ideatorische (oder engl. conceptual) Apraxien hier ist das
semantisches Wissen über Objektgebrauch gestört (Kaffee kochen, Ankleiden, an
der Tastatur schreiben..), Dysfunktionen des Produktionssystems verursachen
ideomotorische und kinetische Apraxien. Letztere können bukkofacial sein,
den Einsatz der Gliedmaßen betreffen oder Störungen der Gestenproduktion
(bedeutungslose wie bedeutungsvolle) und der Gestenerkennung beinhalten. Zur
Testung der ideomotorischen Apraxie wird eine gezielte Überprüfung von
Pantomime, Gesten und Imitation durchgeführt. Störungen des realen
Objektgebrauchs werden nach diesem System als „ideatorisch" bezeichnet und
solche von Handlungen ohne Objekt, also des Imitierens und der Demonstration
bedeutungsvoller Gesten, als „ideomotorisch". Ideatorische Apraxien kommen meist
nur vor, wenn auch gleichzeitig eine eine ideomotorische Apraxie vorliegt. Die
Einteilungen sind viel diskutiert und nicht einheitlich. Neben der Einteilung in
ideatorische und ideomotorische Apraxien kann man sie auch nach den betroffenen
Handlungen (z.B. Ankleideapraxie, konstruktive Apraxie mit Unfähigkeit
geometrische Gebilde korrekt zu erfassen und nachzuzeichnen) oder nach der
Körperregion einteilen z.B. Apraxie des Gesichts bei fehlerhafter Steuerung der
Mimik, Apraxie der Sprechwerkzeuge (auch bukkofaziale Apraxie) oder der Gestik
oder auch Extremitäten-Apraxie einteilen. Untersucht wird das Imitieren von
bedeutungslosen Gesten (die der Untersucher vormacht), das Ausführen
bedeutungsvoller oder bedeutungsloser Gesten auf verbale Aufforderung (z.B.
fassen Sie sich mit dem linken Zeigefinger an das rechte Ohr), der Gebrauch von
Werkzeugen und Objekten (beispielsweise lässt man den Patienten eine Jacke
anziehen, bei der der Ärmel durchgezogen ist). Gliedmaßenapraxien setzen sich
aus einen großen Spektrum von Störungen der hierarchisch höheren motorischen
Funktionen zusammen und entstehen in der Regel aus Hirnschädigungen die die
Leistung bei erlernten Feinbewegungen beeinträchtigen. Schwer gestörtes Imiteren
einfacher Handstellungen als gilt ziemlich verlässlicher Hinweis auf eine links
parietale Läsionen. Das Imitieren von Fingerstellungen, Fußstellungen oder von
Bewegungssequenzen kann auch bei rechtsseitigen Läsionen auftreten. Störungen
der Aktionssequenzierung (bei erhaltenen Einzelaktionen) gehen meist auf eine
frontale Schädigung zurück und werden als „frontale Apraxien “ bezeichnet.
Unwillkürliche Bewegungen können bei Vorhandensein einer Apraxie meist
koordiniert ausgeführt werden, während geplante Handlungen einen gestörten
Ablauf zeigen. Es handelt sich bei der Apraxie um eine Störung des
Bewegungsentwurfes und der Willkürsteuerung der Handlungsfolge. Der Kranke kann
dann nicht mehr auf Aufforderung in gewohnter Weise seine Glieder in der
richtigen Sequenz zielgerecht bewegen. Statt z. B. eine Kusshand zu werfen oder
Drohbewegungen zu machen, erfolgen nur unzusammenhängende ziellose, suchende
Bewegungen.
Fast alle Bewegungen der Glieder
sind mit Ausnahme von instinktiven Bewegungen im Laufe des Lebens erlernt
worden. Durch ständiges Einüben sind Bewegungsmuster (Engramme) entstanden, die
später ohne weiteres aktiviert werden können. Um gezielte Bewegungen ausführen
zu können, muss aber zuerst eine Idee, ein gedanklicher Handlungsentwurf, durch
einen bestimmten Stimulus ausgelöst, vorhanden sein. Es kann sich dabei um eine
spontane Idee, um eine Aufforderung dieses oder jenes zu tun oder um einen
visuellen oder akustischen Anreiz handeln. Der geweckte Handlungsentwurf
aktiviert dann, wie man annimmt, über lange Assoziationsfasern (Fasciculus
arcuatus?, Fasciculus longitudinalis superior?) die in der prämotorischen Region
(Area 6) gespeicherten motorischen Bewegungsmuster. Die ipsilaterale
prämotorische Region ist durch Kommissurenfasern mit der kontralateralen über
das Balkenknie verbunden. Von der prämotorischen Region beider Seiten gelangen
schließlich entsprechende Impulse über kurze Assoziatiorisfasern in geordneter
Weise zu den motorischen Kernen (Area 4), um über deszendierende motorische
Bahnen die für die gewünschten Bewegungen erforderlichen Muskelgruppen bds. zu
aktivieren. Jede Willkürbewegung beruht also auf der Intaktheit eines komplex
gegliederten funktionellen Systems. Es müssen zunächst die von der Peripherie
kommenden kinästhetischen wie auch visuellen und vestibulären Impulse im Bereich
der linken Parieto-Okzipital-Region über primäre, sekundäre und tertiäre
Assoziationsgebiete so miteinander integriert werden, dass man über die genaue
Stellung des Körpers und der Glieder im Raum, über die Stellung der Gelenke, den
Muskeltonus usw. Bescheid weiß. Erst dann können bestimmte Bewegungen aus der
jeweiligen Situation heraus geplant und über das motorische System zur
Ausführung gelangen, wobei nach R. JUNG Entwurf und Frühkontrolle der
Handlungsfolge wahrscheinlich durch Koordination zwischen Hirnrinde, Balken,
Hirnstamm und Kleinhirn ermöglicht wird. In der Literatur werden verschiedene
Formen der Apraxie beschrieben. Eine Apraxie infolge Läsion im Bereich des
linken (dominanten) Scheitellappens wird als ideomotorische Apraxie bezeichnet.
Sie bewirkt eine Apraxie der linken und rechten Gliedmaßen, und ist häufig wegen
der Nähe der auditiven und visuellen Assoziations- gebiete mit
sensorisch-aphasischen Störungen sowie mit Gesichtsfeldausfällen
vergesellschaftet. Eine Unterbrechung der Assoziationsfasern zwischen der linken
Parietalregion und der prämotorischen Rinde hat ebenfalls eine doppelseitige
Apraxie zur Folge. Es kann dabei auch zu einer Apraxie des Gesichts (facial
apraxia) kommen. Der Kranke kann dann nicht nach Aufforderung die Zunge
ausstrecken, ein brennendes Streichholz ausblasen etc. Man spricht bei
derartigen Folgen von Leitungsunterbrechungen nach GESCHWIND (1965) von einem „disconnection
syndrome“. Eine Läsion, die die Kommissurenfasern zwischen den beiden
prämotorischen Regionen im Bereich des Balkens unterbricht, führt zu einer
linksseitigen Dyspraxie. Befindet sich der Herd, der die Kommissurenfasern
unterbricht, im Bereich der ipsilateralen linken prämotorischen Rinde, kommt es
zumeist neben einer rechtsseitigen Hemiparese und motorisch- aphasischen
Störungen auch zu einer Dyspraxie des linken nicht gelähmten Armes. Man spricht
in einem derartigen Falle von einer „sympathischen“ Apraxie des linken Armes.
Ein kleiner Herd im Bereich der prämotorischen Rinde rechts oder links, der die
kurzen Assoziationsfasern zur Area 4 unterbricht, hat eine innervatorische bzw.
gliedkinetische Apraxie zur Folge. Der Kranke kann dann, obwohl keine Lähmung
vorhanden sein muss, die einzelnen Muskelgruppen, die für eine rasche geschickte
Bewegung erforderlich sind, nicht mehr in der richtigen Reihenfolge und Stärke
innervieren. Der Kranke führt derartige Bewegungen so ungeschickt aus, als tue
er dies zum ersten Male. Man nimmt an, dass in einem derartigen Falle die
Bewegungsmuster, die für sehr rasche und geschickte Bewegungen, z. B. beim
Tippen auf der Schreibmaschine oder beim Klavierspielen, erforderlich sind,
nicht mehr zur Verfügung stehen. Man unterscheidet ferner eine ideatorische
Apraxie, der wohl eine diffuse Hirnschädigung zugrunde liegt. Es handelt sich
dabei um eine Apraxie der Handlungsfolge. Gibt man dem Kranken z. B. eine
Pfeife, Tabak und Streichhölzer in die Hand, dann weiß er nicht in welcher
Reihenfolge er diese Dinge benutzen muss. Er reibt vielleicht die
Streichholzschachtel an der Pfeife u. ä. Die Prüfung erfolgt durch
Aufforderungen zu den entsprechenden Handlungen, meist sprachlich, beim
Aphasiker durch Demonstration (Vormachen). Beispiele Prüfung der buccofazialen
Apraxie (Gesichtsbewegungen) „Strecken Sie die Zunge heraus!", „Räuspern Sie
sich! Zischen Sie!", „Tun Sie, als ob Sie ein Streichholz ausblasen!",durch
einen Strohhalm trinken." Gliedkinetische Apraxie („Melodie" einer
Bewegungsfolge) mit der Prüfung der reziproken Koordination (Oseretzki)
Alternierend rechts Faust machen - links Faust machen, mit der Prüfung
Dreiersequenz (nach Luria) Handbewegungen: Faust - Kante - flach Faust-Ring-Test
(nach Luria) Wechsel der Armhaltung zwischen Streckung mit geballter Faust und
Beugung mit Ringhaltung von Daumen und Zeigefinger etc. Klaviertest (nach Luria)
Daumen - Kleinfinger - Daumen - Zeigefinger etc. Ideomotorische Apraxie
(einfache und symbolische Handlung)„Legen Sie die li. Faust auf die Brust!",
„Nehmen Sie die re. Hand vor die Augen!", „Zeigen Sie, wie man sich kämmt!",
„Grüßen Sie wie die Soldaten!", „Tun Sie, wie wenn Sie eine Zigarette
austreten.",Tun Sie, wie wenn Sie wie wenn Sie Gas geben." (Diskonnexion durch
Balkenläsion: nur linke Extremitäten betroffen), Ideatorische Apraxie (Abfolge
von Handlungen) z.B. Papier lochen, falten, in ein Kuvert stecken, Kuvert
zukleben. Alltagshandlungen: Brot streichen, mit Besteck essen, Kaffee kochen.
Bedeutungslose Gesten Imitation von Hand- und Fingerhaltungen (Goldenberg):
Schmetterlingsfiguren. Schwierigkeiten, die Stellung der zur Demonstration
„verhakten" Finger zu imitieren: Hinweis auf parietale Störung
|
Apraxien |
|
Form |
Definition |
Untersuchung |
Schädigungsort |
|
Ideomotorisch |
Zerfall der Handlungsgestalt trotz intaktem Handlungsentwurf |
Ausdrucksbewegungen wie Grüßen, Winken, Drohen.
Vorgestellte Objekte gebrauchen lassen, z.B.: aus einem Glas trinken,
Rauchen
Bedeutungslose Bewegungen imitieren lassen, z.B.: mit dem Zeigefinger
zur Nase gehen.
Komplexe Bewegungsabläufe befolgen lassen, Z.B.: mit dem rechten
Zeigefinger auf das linke Ohr zeigen |
Sprachdominante Hirnhälfte |
|
Ideatorisch |
Richtiger Handlungsablauf aber in der falschen Situation oder am
falschen Objekt |
z.B.: Flasche öffnen, Glas einschenken und trinken. |
Temporoparietal in der sprachdominanten Hirnhälfte |
|
Konstruktiv |
Gestörtes räumlich optisches Orientierungsvermögen |
Haus oder Menschen zeichnen lassen |
Rechte Parietalregion |
|
Ankleideapraxie |
Häufig kombiniert mit einer Störung des Körperschemas und Rechts-
Linksstörung |
Jacke oder Hose anziehen lassen |
|
|
Bukofazial |
Gesichtsapraxie Störung der Koordination des Schluck und Sprechaktes
|
|
Bei ¾ aller Aphasien mit beteiligt. |
Apraxien sind sehr
alltagsrelevant. Spezielles Training hilft die verlorengegangenen Fähigkeiten
wieder zu erlangen. Die Prognose hängt aber im Wesentlichen von der
Grunderkrankung ab. |
-
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großem Umfang zitiert findet- bitte eine E-Mail
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möglich, dass ein Arzt immer auf dem aktuellsten Stand der
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Es ist immer möglich, dass die medizinische Forschung hier noch
als wirksam und ungefährlich dargestellte Behandlungsmaßnahmen
inzwischen als gefährlich oder unwirksam erwiesen hat. Lesen Sie
bei Medikamenten immer den Beipackzettel und fragen Sie bei
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auch mit freiverkäuflichen Medikamenten bedürfen ärztlicher
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Behandlungsverfahren. Die hier angebotenen Informationen können
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dies nicht der Fall ist bin ich dankbar. Fragen Sie hierzu immer
Ihren behandelnden Arzt. Dieser weiß in der Regel über die
hier dargestellten Sachverhalte gut Bescheid und kann Ihren
individuellen Fall und Ihre Beschwerden besser einordnen- was für
einen bestimmten Patienten nützlich ist, kann einem anderen
schaden. Selbstverständlich gibt es zu den meisten Themen
unterschiedliche Auffassungen. Soweit möglich wird hier
dargestellt woher die Informationen stammen. In den meisten Fällen
mit einem entsprechenden Link (da diese oft ohne Ankündigung
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Regel versuche ich mich in der Darstellung an deutschen oder
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der Literatur zu orientieren. Auch dies ist nicht überall
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zum anderen werden diese mir nicht immer sofort bekannt. Manche
Leitlinien sind lange nicht aktualisiert worden und von neuerer
Literatur überholt, bzw, ergänzungsbedürftig.
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